• Logo der HSG-Fichtelgebirge und Fotos der Mannschaften

Herren I: "Die Situation ist sehr trügerisch"

Auf die Fichtelgebirgs-Handballer warten die "Wochen der Wahrheit". Johannes Wippenbeck sieht viel Qualität in der HSG, doch dem Coup über den Spitzenreiter muss mehr folgen.

Herr Wippenbeck, wie sehr waren Sie denn selbst überrascht von diesem couragierten Auftritt gegen Spitzenreiter TSV Rothenburg?
Ehrlich gesagt, gar nicht mal so sehr. Schon in den beiden Auswärtsspielen zuvor in Erlangen hat die Formkurve stetig nach oben gezeigt. Und wir wissen natürlich, was wir zu Hause imstande sind zu leisten. Gerade Rothenburg liegt uns ein bisschen. Auch weil wir uns immer sehr gerne dem Gegner anpassen. Ich will damit nicht sagen, dass wir uns leichter tun, aber schwere Gegner sind für uns irgendwie so etwas wie der letzte Motivationsschub, sodass wir doch noch einige zusätzliche Prozentpunkte herauskitzeln können. Dazu kam nach langer Zeit eine geile Kulisse, die von Anfang an voll hinter uns stand. Das pusht dann schon und war letztlich der ausschlaggebende Punkt, warum wir mit zwei Toren Vorsprung gewonnen haben.

Wann haben Sie gespürt: Da geht mehr als nur ein achtbares Ergebnis?
Das war uns eigentlich schon in der Halbzeitpause klar. Wir wussten, dass wir das Ding am Ende auch gewinnen können, wenn wir jetzt dran bleiben und die Fehler reduzieren. Überhaupt spielen wir im Moment starke erste Halbzeiten, denen allerdings immer ein kleiner Einbruch folgt.

Immerhin ist es Ihnen gelungen, die Tormaschine der Rothenburger mit Patrick Schneider (86 Tore/13 Spiele) und Anton Ehrlinger (82/14), die gemeinsam die Landesliga-Torjäger-Liste anführen, in Schach zu halten!
Genau das ist es, was wir im Moment echt gut hinbekommen: eine kollektive Mannschaftsleistung – in der Abwehr wie im Angriff. Es macht einfach wieder Spaß in der Abwehr hinzulangen. Mit einer kompletten Truppe und 14 Leuten können wir das auch als Team wieder viel besser auffangen. Dazu hatten wir am Samstag mit dem „Miro“ (Miroslav Broško, Anmerkung der Redaktion) auch einen hervorragenden Keeper zwischen den Pfosten, der natürlich besonders gut hält, wenn die Abwehr entsprechend steht. Letztlich hat uns ein funktionierendes Kollektiv am Samstag den Sieg beschert.

Was macht ein Trainer Stefan Tröger anders als sein Vorgänger Vladimir Haber?
Stefan schafft es, dass das harte Training trotzdem Spaß macht und alle topfit sind. Er bringt das mit seiner Art und so, wie er die Abende gestaltet, gut rüber. Er hält die Motivation hoch und jeder zieht ausnahmslos mit. Wir haben vor Stefan schon immer einen Riesenrespekt und er zahlt uns das auch zurück. Zum einen ist er einer von uns, andererseits bringt er ein sehr gutes Handballwissen mit und weiß, wie er uns anpacken muss und kriegt auch den Mix zwischen dem Freundschaftlichen und dem Respektvollen hervorragend rüber. Ich sehe deshalb auch nicht die Gefahr, dass sich vielleicht mal einer mehr rausnimmt, obwohl wiruns doch alle schon solange kennen. Das hat von der ersten Minute an gepasst. Für ihn war der Einstieg nach den vielen coronabedingten Ausfällen und Spielverschiebungen alles andere als leicht. Drum hat‘s mich für ihn besonders gefreut. Der Sieg über Rothenburg war auch eine Bestätigung für seine Arbeit.

War das auch ein Fingerzeig an die Konkurrenz im Abstiegskampf, um zu demonstrieren: An Ihnen kommen die nicht vorbei?
Ja, natürlich. Dieser Sieg hat sicher viele überrascht und zeigt allen: Wir sind da, wenn’s drauf ankommt. Und wir sind jederzeit in der Lage, auch die ganz oben zu schlagen. Auf der anderen Seite musst du auch gegen die, die unten drin stehen erst einmal gewinnen. Es bringt ja nichts, wenn wir jetzt am Wochenende in Stadeln wieder Punkte liegen lassen.

Sie sprechen es an: Rothenburg war die Kür, aber jetzt kommen die Wochen der Wahrheit. Es geht in fünf Partien innerhalb drei Wochen bei insgesamt sieben ausstehenden Spielen vier Mal gegen Teams, die teils deutlich hinter Ihnen liegen. So warten Stadeln, Schlusslicht Michelfeld und zwei Mal der Vorletzte TSV Lohr II. Sie könnten also im April noch alles klarmachen…
Auf jeden Fall und das ist auch unser Ziel. Das sind die Spiele, die wir gewinnen müssen. Dann sollten wir eigentlich gesichert sein.

Der fünfte Tabellenplatz, der noch zum direkten Klassenerhalt reicht, scheint im Moment wie zementiert – zumindest nach Minuspunkten stehen Sie sieben (Rödental/Neustadt) bzw. acht Zähler (HaSpo Bayreuth II) besser da als die Konkurrenz. Wie sicher darf man sich fühlen?
Gar nicht! Das wäre der größte Fehler, den wir machen könnten. Dadurch, dass wir mit die wenigsten Spiele absolviert haben, klingt das erst mal alles sehr komfortabel, weil du noch viele Punkte holen kannst. Die musst du aber erstmal einfahren. Wegen der unterschiedlichen Spiele-Anzahl lässt sich ganz schwer eine Aussage treffen. Die Situation ist noch sehr trügerisch.

Die HSG steht angesichts des verschärften Abstiegs permanent unter Druck. Wie gehen Sie persönlich damit um?
Wir alle wissen, wenn wir fit sind, haben wir mit dem Abstieg nichts zu tun. Aber durch die Umstände, die uns diese Saison begleiten, sind wir irgendwie ein bisschen hinten rein geraten. Der Sieg gegen Rothenburg hat dann doch gezeigt, welche Qualität in der Mannschaft steckt. Natürlich ist der Druck ein bisschen da, weil wir in den Jahren zuvor immer oben dabei waren. Und wir haben natürlich jetzt zu spüren bekommen, wie das ist, wenn es gegen den Abstieg geht. Man muss das dann einfach auch offen ansprechen und sagen, wir orientieren uns eher mal nach hinten als nach vorne. Aber so, wie wir uns zuletzt präsentiert haben, liegt der Druck wieder mehr bei den anderen. Persönlich denke ich da gar nicht so drüber nach. Mein Blick geht eher nach vorne. Ich will oben mitspielen und weniger nach hinten schauen.

Wie fühlen Sie sich im Moment persönlich, da Sie viel mit Verletzungen kämpfen mussten? Blickt man auf die Statistik, so haben Sie in den letzten vier Partien 25 Tore erzielt und liegen, was die Feldtore angeht, mannschaftsintern mit 46 Treffern aus zehn Spielen (Schnitt 4,6 pro Spiel) in Führung. Einzig Philipp Mocker hat als sicherer Siebenmeterschütze mit 54 Erfolgen aus elf Spielen mehr Gesamt-Tore erzielt (Schnitt 4,91).
Ich hatte die letzten zweieinhalb Jahre eigentlich ziemlich viel mit Schulterproblemen zu kämpfen. Das ist jetzt ganz gut ausgeheilt und ich kann der Mannschaft viel mehr helfen. Aber die Verteilung der Tore am Wochenende hat doch gezeigt, dass im Moment kaum einer mehr so richtig heraussticht.Was für die Gegner schwerer ist. Ich versuche natürlich, der Mannschaft mit einfachen Toren zu helfen, weil ich halt eben der Rückraum-Shooter bin. Das gelingt mal besser, mal schlechter.

Welche Gedanken bewegen Sie bei einer möglichen Rückkehr der HSV Hochfranken in die Handball-Landesliga?
Ich würde mich sehr freuen. Diese Derbys, ob gegen Helmbrechts/Münchberg oder Hochfrankenbrauchen wir einfach, weil es für uns Spieler nichts Geileres gibt. Vor allem, wenn jetzt die Beschränkungen weniger werden und wir in der nächsten Saison wieder vor voller Hütte spielen können. Das hat man doch auch schon am Samstag gesehen und ist genau das, für das wir trainieren. Wir verdienen zwar alle kein Geld mit unserem Sport, aber das, was wir von den Rängen zurückbekommen, sehe ich als unseren Lohn.Ich drücke der HSV Hochfranken auf alle Fälle ganz fest die Daumen, dass sie die Rückkehr packen.

Das Gespräch führte Peter Perzl

22 04 06 HannesZur Person 
Johannes Wippenbeck spielt seit seinem sechsten Lebensjahr Handball. Begonnen hat er bei den "Minis" des VfL Wunsiedel und fortan in allen Nachwuchsteams des Vereins. Nach der Jugend-Bayernliga arbeitete er sich hoch bis zum gestandenen Landesligaspieler. Seine Positionen sind nicht zuletzt dank seiner stattlichen 1,97 Meter Körpergröße die Abwehr und der zentrale Rückraum im Team der HSG 2020 Fichtelgebirge, wo er sich denn seit Jahren als "Shooter" und damit als einer der Treffsichersten auszeichnet. Der 29-Jährige, der aktuell dabei ist, seinen Betriebswirt zu machen, arbeitet bei Lamilux in Rehau im Vertrieb, ist dort zuständig für Wartung, Service und digitale Projektbetreuung. Als stellvertretender Vorstand wirkt und gestaltet er zudem aktiv in seinem Heimatverein. Auf dem Tennis-Gelände am Eisweiher ist er zusammen mit seinem Mannschaftskollegen Maximilian Berger gerade dabei, zwei der Tennisfelder in ein Allwetter-Handballfeld umzubauen, das dann auch der Allgemeinheit zur Verfügung stehen wird.

Quelle: Frankenpost Ausgabe Fichtelgebirge vom 06,04,2022, Sport aus der Region, Bericht und Foto: Peter Perzl

Drucken